Commerzbank-Sektorbericht:

Digitalisierung revolutioniert den Einzelhandel

Frankfurt/Main (6.10.17) – In den kommenden Jahren wird der deutsche Einzelhandel, der zum Bruttoinlandsprodukt rund ein Sechstel beisteuert, mit mehreren gravierenden brancheninternen und gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontiert sein. Vor allem der Wandel der Konsumbedürfnisse, die Digitalisierung, ein schnelles Wachstum bei Lieferdiensten sowie die rückläufige Kundenfrequenz im stationären Einzelhandel stellen die Branche mit 3,32 Millionen Beschäftigten vor große Herausforderungen. „Der Verdrängungswettbewerb und die Konsolidierung, die seit den 2000er-Jahren stattfinden, werden zu einer zunehmenden Herausbildung von oligopolistischen Strukturen in der Branche führen“, prognostiziert Andreas Resch, Sektor-Head Consumer & Retail bei der Commerzbank Frankfurt.

Die Grenzen zwischen den Unternehmensformen werden zunehmend verschwimmen. Discounter werden sich stärker Supermärkten anpassen und umgekehrt. Neue Einkaufstrends wie Erlebnisshopping, beratungsintensivere Einkaufsangebote und der Wunsch nach Konsumethik seitens der Kunden führen nicht nur zu einer Umgestaltung von Ladenlokalen und Servicestrukturen, sondern auch zu gänzlich neuen Sortimenten. Der demografische Wandel befeuert diese Entwicklung zusätzlich. „Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft und wird älter und vielfältiger. Damit entstehen auch neue Konsumbedürfnisse“, zitiert Resch den aktuellen Sektorbericht Einzelhandel der Commerzbank.

Fundamentaler Wandel durch neue Liefersysteme

Der wohl fundamentalste Wandel steht schon in den Startlöchern, sucht aber noch tragfähige Geschäftsmodelle: die Einführung von Lieferdiensten. Drohnen, Roboter, elektrische Lieferfahrzeuge, die besonders für innerstädtische Lagen geeignet sind, und Fahrräder sollen in Zukunft verstärkt Waren an die Haustüren der Kunden liefern. „Der Einzelhandel in Deutschland hat also das Potenzial, sich teilweise von einem stationären in ein ambulantes Handelssystem zu transformieren. In welcher Form sich dieser Trend in Zukunft aber letztendlich durchsetzen wird, bleibt spannend“, kommentiert Resch.

Digitalisierung und Omni-Channel-Konzepte bieten neue Absatzchancen

Angetrieben wird der Umbruch im Einzelhandel, der im Jahr 2015 einen Umsatz von 508 Mrd. Euro erzielte, vom Megatrend der Digitalisierung. In Deutschland beträgt das Gesamtvolumen des Onlinehandels bereits 44 Mrd. Euro. Viele traditionell im stationären Handel verhaftete Unternehmen aller Größenklassen streben in den Onlinehandel. „Alle Anstrengungen zielen auf die Bündelung und Konzentration aller Online- und Offlinevertriebskanäle in Form sogenannter Omni-Channel-Konzepte ab. Diese Entwicklung wird durch die Digitalisierung von Ladenlokalen und Unternehmensstrukturen flankiert. Intelligente Regale, die durch Computerprogramme dynamisch Preise festlegen, Logistiksysteme, über die automatisch Produkte nachgeordert und Regale befüllt werden, und die Analyse von Kundendaten, anhand derer personalisiert Produkte empfohlen werden, eröffnen weitere Potentiale, sind derzeit aber oftmals noch Zukunftsmusik im Einzelhandel“, führt Resch weiter aus.

 

Innovationskraft bleibt überlebenswichtig

Leichtes Wachstum mit Umsatzplus von 1,8 Prozent nominal für 2017 erwartet

Für das Jahr 2017 wird ein Umsatzwachstum von 1,8 Prozent nominal erwartet. Doch zunehmende Wettbewerbsintensität und eine rückläufige Frequenz im stationären Handel sind unübersehbare Risiken. „Die notwendige Anpassung beziehungsweise Umstellung der Geschäftsmodelle erfordert teilweise signifikante Investitionen in Know-how, IT-Infrastruktur und Personal, aber auch in die Modernisierung der Geschäftslokale unter den Stichworten Emotionalität und Shoppingerlebnis. Hier besteht teilweise erheblicher Investitionsbedarf, den der Einzelhandel in den kommenden Jahren stemmen muss. Die größte Herausforderung für die Einzelhändler ist jedoch, die richtigen strategischen Entscheidungen im Zusammenhang mit den Megatrends zu treffen. Das beinhaltet teilweise tief greifende, manchmal radikale Umstellung der Geschäftsmodelle. Insbesondere diejenigen Unternehmen, die Veränderung als Chance sehen, haben langfristig die besseren Aussichten auf Erfolg“, so das Fazit des Retail-Experten.